Von der Videokonferenz in den Regelunterricht. Geflüchtete Kinder an niedersächsischen Schulen

Mehr als 30.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche sind seit März 2015 nach Niedersachsen gelangt. Die meisten von ihnen sind schulpflichtig. Wie geht das Land mit dieser Herausforderung um? Kultusministerin Frauke Heiligenstadt antwortet.

Frau Heiligenstadt, geflüchtete Kinder sprechen kein Deutsch und sollen zur Schule gehen. Was tun?
Die Lösung kann nur in schneller Integration bestehen – nicht trotz, sondern wegen fehlender Sprachkenntnisse. Die Erfahrung zeigt doch, dass Kinder und Jugendliche, die sich willkommen fühlen, Defizite schneller ausgleichen können. Unsere Schulen in Niedersachsen gehen dabei ganz unterschiedliche Wege und wir unterstützen sie dabei mit einem breiten Angebot zur Sprachförderung: In vielen Klassen sind die geflüchteten Kinder und Jugendlichen von Anfang an mit im Unterricht und erhalten zusätzliche Sprachförderstunden, andere werden zunächst in Sprachlernklassen unterrichtet. Unsere Schulen haben tolle Sprachförderkonzepte, bei denen zum Beispiel die Ganztagsangebote auch eine große Rolle spielen: Auch das gemeinsame Musizieren, Spiel und Sport helfen den Kindern und Jugendlichen dabei, Deutsch zu lernen und sich in der Schule wohlzufühlen.

Womit beginnt der Integrationsprozess?
In einigen Erstaufnahmeeinrichtungen können Kinder und Jugendliche bereits an Lernwerkstätten teilnehmen. Sie beginnen Deutsch zu lernen und machen sich mit unserer Kultur vertraut. Darüber hinaus wird in den Werkstätten teilweise schon deutlich, welche Kompetenzen die Kinder mitbringen. Das ist gut, um später auf individuelle Bedürfnisse eingehen zu können. Zusätzlich bieten wir als Pilotprojekt Videokonferenzen mit qualifizierten Lehrkräften an. Der Integrationsprozess beginnt also, noch bevor der Status der Familie als Zuwanderer geklärt ist und noch bevor ihr ein Wohnort zugewiesen wurde.

Videokonferenzen? Wie muss man sich das vorstellen?
Kinder und Jugendliche einer Erstaufnahmeeinrichtung wählen sich in den realen Unterricht einer Schulklasse ein und nehmen per Videokonferenz teil. Auf diese Weise erhalten sie einen ersten Eindruck vom Unterricht in Niedersachsen. Umgekehrt lernen die Schülerinnen und Schüler am Schulstandort potenzielle künftige Mitschüler kennen. Die Zahl der Teilnehmenden variiert je nachdem, wie viele Heranwachswende zu dem Zeitpunkt in der Einrichtung leben.

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Und diese Art des Unterrichts funktioniert?
Wir machen damit seit Jahren gute Erfahrungen, allerdings in anderer Form: Das Niedersächsische Internatsgymnasium Esens bezieht Kinder und Jugendliche auf Nordseeinseln häufig per Videokonferenz ein. Übrigens sind die Videokonferenzen für geflüchtete Kinder nur ein Teil des Projekts Digital Deutsch lernen, das wir gemeinsam mit Partnern ins Leben gerufen haben. Im anderen Teilprojekt werden in Schulen Tablets zur Verfügung gestellt, die in Sprachlernklassen zum Einsatz kommen. Die Einbindung von Bildern und Ton macht es auch denjenigen leicht, die deutsche Sprache zu lernen, die bisher keine Kenntnisse der lateinischen Buchstaben haben.

Sie sprachen von individuellen Bedürfnissen. Inwieweit können die Schulen auf Einzelne eingehen?
Ziel ist es, dass alle Kinder und Jugendlichen so rasch wie möglich am Regelunterricht teilnehmen. Das gelingt, wie gesagt, auf verschiedenen Wegen. Die Sprachlernklassen bereiten darauf vor, indem sie sich drei bis zwölf Monate lang auf den Spracherwerb der Schülerinnen und Schüler konzentrieren. Sobald die Kinder und Jugendlichen Regelklassen zugeordnet sind, kommen andere Instrumente der Sprachförderung infrage. Ein Beispiel sind Sprachförderkurse. Darunter verstehen wir Lernangebote, die über den Regelunterricht hinausgehen, zum Beispiel am Nachmittag. Eine andere Möglichkeit besteht darin, den Spracherwerb in den Unterricht aller Fächer zu integrieren.

Deutsch lernen in der Mathe- oder Biologiestunde?
Die Kinder und Jugendlichen lernen unsere Sprache, indem sie sie anwenden und zwar anhand unterschiedlicher Themen. Das zeigen unsere Erfahrungen. Und noch etwas ist bedeutsam: Kinder lernen am besten von Kindern. Viele Lehrkräfte haben mir in den vergangenen Monaten berichtet, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler den Neuangekommenen gern und eifrig helfen. Das nutzt letztlich allen. Die einen lernen Deutsch, die anderen erwerben soziale Kompetenzen.

Wie fast überall in Deutschland mangelt es in Niedersachsen an qualifizierten Lehrkräften. Verschärft die Zuwanderung das Problem?
Der Bedarf an Lehrkräften schwankt von Schuljahr zu Schuljahr und muss immer wieder neu berechnet werden. Selbstverständlich beeinflusst die starke Zuwanderung der vergangenen Monate die Berechnungen. Vor allem aber verändert sie das Profil der Lehrkräfte, die wir suchen: Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten beziehungsweise Kompetenzen auf diesem Gebiet erworben haben. Deshalb gehört Deutsch als Fremdsprache an unseren Hochschulen seit Ende 2015 zur Ausbildung aller Lehrerinnen und Lehrer, egal welche Fächer sie unterrichten wollen.

Das wirkt sich allerdings erst in der Zukunft aus …
Kurz- und mittelfristig hilft es uns, dass pensionierte Lehrkräfte für eine bestimmte Zeit in den Schuldienst zurückkehren. Dazu haben wir schriftlich ermutigt und ich freue mich, wie viele engagierte Pensionärinnen und Pensionäre jetzt wieder bei uns an der Tafel stehen. Ein Zusatzeffekt dieser Aktion war, dass sich auch Menschen bei uns beworben haben, die nie Lehrkraft an einer Schule gewesen sind und die quereinsteigen möchten. Wir prüfen die Lebensläufe und Kompetenzen gründlich und haben mit solchen Bewerberinnen und Bewerbern auch schon Verträge geschlossen. Insgesamt sind rund 2.000 Bewerbungen von Pensionären und Quereinsteigern eingegangen. 520 befristete Verträge haben wir aus diesem Pool allein im zweiten Schulhalbjahr 2015/2016 geschlossen.

Welche Angebote können junge Geflüchtete wahrnehmen, die nicht mehr schulpflichtig sind, aber auch noch keine Ausbildung hinter sich haben?
Diese Gruppe ist in der Tat so groß, dass wir für berufsbildende Schulen ein eigenes Programm aufgelegt haben. Es heißt Sprach- und Integrationsprojekt, kurz SPRINT und besteht aus den Modulen Spracherwerb, Einführung in die regionale Kultur- und Lebenswelt sowie Einführung in das Berufs- und Arbeitsleben. Zurzeit nehmen an rund 80 Standorten etwa 2.900 Geflüchtete zwischen 16 und 21 Jahren teil. Für Absolventinnen und Absolventen, die mehr Förderung brauchen, planen wir das Anschlussprojekt SPRINT dual. Das heißt, diese jungen Menschen werden einen Teil der Woche direkt in Betrieben verbringen, zum Beispiel als Praktikanten, und einen weiteren Teil wie gehabt an der berufsbildenden Schule lernen. Im Herbst soll es losgehen mit SPRINT dual.

Welche Perspektiven haben SPRINT-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt?
Das hängt stark von den Vorkenntnissen ab, die junge Geflüchtete mitbringen. Wir dürfen nicht vergessen, dass manche von ihnen Analphabetinnen oder Analphabeten sind. Just heute Vormittag hatte ich aber einen Termin, der mich optimistisch stimmt. Die Leiterin einer berufsbildenden Schule teilte mir im Vor-Ort-Gespräch mit, dass vierzehn SPRINT-Absolventen kürzlich einen Ausbildungsvertrag mit regionalen Unternehmen unterschrieben haben. Das ist ein schöner Erfolg, wie ich finde.

Fotos: Niedersächsisches Kultusministerium/ Fotograf: Tom Figiel.