Über den Schatten gesprungen. Flucht und Ankunft als Theaterstück

Interview mit Ozana Costin, Regisseurin, Schauspielerin und Theaterleiterin

Ozana Costin ist Regisseurin, Schauspielerin und Theaterleiterin. Zu den Angeboten ihres HolzBankTheaters in Wolfsburg gehören neben Inszenierungen klassischer Stücke auch Schauspielkurse sowie Projekte, die der Integration dienen. Im Interview erläutert die gebürtige Rumänin, wie das Spiel mit der Identität Menschen zusammenbringt und wie es sie stärkt.

Das HolzBankTheater beteiligt häufig Laien an seinen Inszenierungen. Mit welchen Wünschen und Erwartungen kommen diese Menschen zu Ihnen?
Das unterscheidet sich unter anderem nach der Herkunft. Zu unseren Schauspielkursen melden sich überwiegend Deutsche an, die auf der Bühne ein anderes Ich ausprobieren wollen. Im Vordergrund steht also die Rolle, die sie am Ende spielen werden. Migranten hingegen, die erst kürzlich nach Deutschland gekommen sind, wollen ihre eigene Geschichte erzählen. Sie brennen darauf, ihren neuen Nachbarn mitzuteilen, wie sie fühlen und denken. Und sie bestehen darauf, dies auf Deutsch zu tun, egal wie viel Kraft es sie kostet.

Wie werden aus solchen Gefühlen und Gedanken Theaterabende?
Am Anfang stehen Gespräche. Darin finde ich heraus, was die Beteiligten bewegt und wonach sie sich sehnen. In einem unserer Stücke – „Der Weg zum Frieden“ – klingt das bereits im Titel an. Es geht um Flucht vor dem Krieg und um die Ankunft in einem Land, in dem Frieden herrscht. Allen 26 Beteiligten des Projekts war gemeinsam, dass sie Deutschland mit Frieden gleichsetzen.

Ein Stück für 26 Darsteller? Lässt sich so ein roter Faden spinnen?
Von den 26 Projektbeteiligten standen am Ende lediglich fünf auf der Bühne. Was die Zuschauer zu sehen bekommen, ist nur ein Teil der Arbeit. Mindestens genauso wichtig ist es, Ideen auszutauschen, Charaktere zu entwerfen, mit denen sich letztlich alle Beteiligten identifizieren können, und den Text zu entwickeln. Nicht zufällig beginnt „Der Weg zum Frieden“ mit einem 400 Jahre alten Monolog. Er stammt aus der Feder William Shakespeares, ist Thomas Morus in den Mund gelegt und erscheint aktueller denn je.

Zitieren Sie doch mal.
Shakespeare schreibt: „Ihr seht die Fremden, elend, / Mit Lumpenbündeln, Kinder auf dem Rücken, / Wie sie zu Küsten und zu Häfen trotten, / Und ihr sitzt da, als König eurer Wünsche, / Die Staatsmacht starr verstummt vor eurer Wut, / Und ihr gespreizt im Protzornat des Dünkels.“

Worin drückt sich dieser Dünkel aus und was setzen Sie dagegen?
Dünkelhaft erscheint mir beispielsweise die Rede von der Toleranz. Da schwingt immer Herablassung mit: Wir, die Mehrheit, finden euch, die Minderheit, erträglich. Ich wünsche mir etwas anderes. Freundschaft, Offenheit, Lernbereitschaft. Die Beteiligten an „Der Weg zum Frieden“ haben all das übrigens bewiesen.

Wodurch beispielsweise?
In einigen muslimischen Ländern ist Theater verboten, etwa in Afghanistan. Einige der Teilnehmer mussten also weit über ihren Schatten springen. Sie erkannten, dass ihnen das Theater hilft, sich auszudrücken, und dass sie trotzdem gute Muslime bleiben.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Theater als Plattform der Integration zu nutzen?

In meiner Heimat Rumänien habe ich mit benachteiligten Kindern gearbeitet. Mich hat es fasziniert, wie schnell sich diese zunächst scheuen Mädchen und Jungen öffneten und welche Fantasie und Lebenslust in ihnen steckte. Nach der Übersiedlung nach Wolfsburg haben mein Mann und ich an diese Erfahrungen angeknüpft, indem wir Migranten zum Theaterspielen einluden. „Der Weg zum Frieden“ von 2016 war bereits unser drittes Projekt dieser Art. Es unterschied sich allerdings durch die Wucht der Ereignisse deutlich von den beiden Vorgängern. 2012 und 2014 haben wir die Berichte von Migranten zu Komödien verarbeitet. Das war 2016 undenkbar.

Wird es eine Fortsetzung geben?
Wenn es nach uns geht ja. Letztes Jahr hat uns die Bildungsvereinigung Arbeit und Leben dabei unterstützt, Fördermittel zu bekommen. Sollten wir auch in diesem oder im nächsten Jahr einen Partner finden, werden wir einen alten Traum von mir verwirklichen. Ich möchte Kinder aus Migrantenfamilien mit deutschen Kindern zusammenbringen und gemeinsam ein Stück erarbeiten.

Was ist aus den Beteiligten an „Der Weg zum Frieden“ geworden?
Einige der Teilnehmer haben das Projekt noch vor der Premiere des Stücks verlassen. Der Grund war keineswegs Desinteresse. Vielmehr hatten sie eine Arbeit oder Ausbildung aufgenommen und schlicht keine Zeit mehr fürs Theater. Mich hat das ehrlich gefreut, zumal mich diese Teilnehmer wissen ließen, erst das Mitmachen bei uns habe sie zu Bewerbungen ermutigt. Auch die meisten anderen Beteiligten arbeiten mittlerweile. Zwei der fünf Darsteller habe ich kürzlich auf der Straße getroffen. Sie schienen bester Dinge und fühlen sich wohl in Wolfsburg.

Foto: Cristian Costin, HolzBankTheater Wolfsburg